Wie kann ich mein Kind motivieren?

Nach dem superspannenden Video-Gespräch mit Alexandra Aldinger und Michael Müller von Genialico ist das die erste Frage gewesen, die mich per Mail erreicht hat.

LRS gibt es nicht!

 

Wie kann ich mein Kind (2. Klasse) zum Lesen lernen motivieren?

Diese Frage hatte ich mir natürlich auch gestellt, als mir klar wurde: Wenn ich diesen Prozess in Schulhänden lasse, haben vor allem meine Söhne sehr schlechte Chancen, wirklich so gut (oder auch überhaupt) lesen zu lernen, dass eine normale Schulbildung möglich ist. Dabei haben alle eine gute Intelligenz. Ja, sie kamen mir schon früh sehr schlau vor …

Woher kam die Demotivation überhaupt?

Warum klappte es eigentlich nicht und wie sollte ich mit unserer großen Familie schaffen, mich tagtäglich so intensiv um das Erlernen der Schriftsprache meiner Kinder zu kümmern?

Kamen meine Kinder aus der Schule nach Hause, war das Allerletzte, was sie noch machen wollten: Lesen, Schreiben und Rechnen.

Der Lernfrust war bei den beiden mittleren Kindern bereits sechs Wochen nach der Einschulung zu spüren. Die beiden älteren Kinder waren je acht Jahre in der Waldorfschule und da kannte ich den Lese- und Schreibstress nicht.

Dazu wage ich einen kleinen Exkurs in unsere unterschiedlichen Schulerfahrungen. Daran kann ich besser erklären, was sich in mir verändern musste, damit die Schulerfahrung möglichst wenig Schaden bei meinen Kindern anrichtet … (leider habe ich dafür auch erst die negativen  Erfahrungen machen müssen …)

Waldorfschule ist anders

In der Waldorfschule war es einfach. Wir Eltern hatten dafür zu sorgen, dass die Kinder ausgeschlafen waren, genug Spielzeit zu Hause hatten, gesundes Essen bekamen und die Jahreszeitenfeste zur Freude der Kinder schön gestaltet wurden.

Lesen und Schreiben war in der Waldorfschule kein Thema. Meine Tochter konnte in der dritten Klasse Lesen und mein Sohn in der fünften Klasse als heilpädagogisches Kind. Lehrer wie Schüler waren tiefenentspannt und so waren wir Eltern es meistens auch. Zumindest, wenn wir bereit waren, dem Kind wirklich seine Zeit zu geben. Und so haben meine Kinder in der Waldorfschule mit einer Klassengröße bis 42 Schülern und EINEM Lehrer trotzdem alles gelernt. Der Wechsel zur Staatsschule erfolgte reibungslos nach der achten Klasse aus finanziellen Gründen zeitgleich zur Einschulung unseres nächsten Kindes.

Staatsschule ist normal

Leider ist es für uns Eltern trotz der Erfahrung:

Gelassenheit und Vertrauen in das individuelle Lerntempo der Kinder zahlen sich aus!

… Im normalen und verpflichtenden Schulbetrieb nicht möglich dieselbe Haltung beizubehalten, als wenn das Kind auf eine private Schule geht. Denn dort wird es zwangsläufig andere Erfahrungen machen. Nicht allein die Haltung der Eltern zählt für das Kind. Sondern auch, wie auf den individuellen Lernfortschritt in der Schule reagiert wird. In der staatlichen Schule zählt auch der staatliche Lehrplan. Die Kinder lernen sehr schnell, dass ihre Leistung nicht den Erwartungen entspricht.

Zum Vergleich:

Waldorfschule: Keine Erwartungen in Bezug auf Lerntempo. Alles ist okay und das Kind fühlt: Mit mir stimmt alles. Folglich lernt es entspannt und behält Selbstvertrauen und Lernfreude.

Staatsschule: Der Lehrplan für die einzelnen Klassenstufen bestimmt, ob ein Kind richtig ist oder nicht. Das Kind lernt: Mit mir stimmt was nicht, weil ich die Aufgaben nicht so gelöst bekomme, wie von mir erwartet wird. Das Kind verliert Selbstvertrauen und Lernfreude.

Es ist zu erwarten, dass sehr viele Kinder in diesem Rahmen sowohl Lernfreude als auch Selbstvertrauen in kurzer Zeit verlieren!

 

Was können wir als Eltern tun?

Als Eltern wünschen wir uns genau das Gegenteil. Wir wollen unseren Kindern ermöglichen, mit viel Freude zu lernen, Erfolgserlebnisse zu haben und vor allem sollen sie mit dem Gefühl aufwachsen, RICHTIG zu sein.

Beide Söhne haben in der Staatsschule als Allererstes gelernt „falsch zu sein und nicht zu genügen“. Beide haben dadurch unangenehme Verhaltensweisen entwickelt und ihre Versagensgefühle mit Ablehnung und Aggression kompensiert.

Einer meiner Söhne konnte auch in der vierten Klasse noch nicht lesen. Und es schien bislang an einer schweren Lese-Rechtschreib-Schwäche zu liegen. Ich dachte auch, die Schule müsse das hin bekommmen. Diese Erfahrung hatte in der Waldorfschule gemacht und ich war nicht bereit, neben meinem Vollzeitjob als Tagesmutter für Kleinkinder jeden Tag mit meinen Kindern um die Hausaufgaben zu streiten. Noch dazu konnten sie die nie selbst machen, weil sie gar nicht wussten, was sie da tun sollten.

Es gab nur Stress und hagelte Anrufe und Beschwerden von Lehrerseite.

Meine beiden Söhne waren nach kurzer Schulzeit wie ausgewechselt. Es hat sehr viel Kraft gekostet, sie jeden Tag an diesen Ort zu schicken, wo sie niemals sein wollten und wo tagtäglich negative Erfahrungen auf sie warteten.

Staatsschule geht für viele Kinder nur mit Elterneinsatz

Im Oktober letzten Jahres fasste ich den Entschluss, dass das Lesen lernen jetzt ab sofort die oberste Priorität bekam. Meine Kinder sollten nicht benachteiligt sein in unserer Gesellschaft. Und ich wusste, dass sie intelligent sind. Aber die Motivation war bei den Kindern natürlich unter Null.

Waldorfwissen

Der Lehrer muss sich selbst für den Lernstoff begeistern und der Funke sollte überspringen können.

Wichtig war, dass ich selbst Freude dabei empfinden konnte in der Hoffnung, NUN würden sie es schaffen und Erfolg haben. Ich musste also erst einmal meinen eigenen Schulfrust in den Griff bekommen.

Ich wollte unbedingt, dass sie eine glückliche Leseerfahrung haben. Und das war wohl der entscheidende Punkt für den Anfang. Denn natürlich waren sie frustriert und es ging alles schwer und war doof.
Trotzdem verlangte ich von ihnen, dass wir jeden Tag je eine halbe Stunde mit dem Unterrichtsmaterial zum Lesenlernen in den Mildenbergerheften arbeiteten. Kurz darauf habe ich es an den Seiten fest gemacht und erst eine Seite verpflichtend durchgearbeitet und dann zwei Seiten jeden Tag pro Kind außer am WE. Sie haben bald verstanden, dass sie die Lern- und Lesezeit mit mir verkürzen können, wenn sie aufmerksam mitmachen. Das war zum Beispiel anfangs ein Motivator.

 

Lesen können – ein gutes Gefühl!

Außerdem war zu Beginn wichtig, meine Kinder spüren zu lassen, dass ich keinen Wert auf gute Noten in der Schule lege. Mir ging und geht es konsequent um das gute Gefühl, LESEN zu können. Ich musste mich darin von den Lehrern unterscheiden. Sie bekamen ausschließlich positives Feedback von mir zu jedem noch so kleinen Leseversuch. Nach zwei und drei Wochen war der Knoten geplatzt und sie setzten sich selbstverständlich mit mir hin und freuten sich an ihren Erfolgen. Und nun sind sie total happy und abends streiten sie sich darum, wer mir noch etwas vorlesen darf(!) und vor allem, wer zuerst darf. Sogar der Erstklässler hat hier zu Hause ein Lesebuch mit der Silbenmethode (auch Mildenberger). Und er guckt immer selbstständig, welche Buchstabenkombinationen er schon hat und liest mir die entsprechenden Seiten vor mit dem Buchstabenschwerpunkt, der auf jeder Leseseite erkennbar ist.

Er wird nun der erste meiner sechs Kinder sein, der wohl schon in der ersten Klasse lesen kann … entsprechend bekommt er deutlich mehr positives Feedback in der Schule, als die anderen. Er ist das fünfte Kind in der Schule. Kind sechs ist vier Jahre und kann schon sehr viele Buchstaben – als Nebeneffekt. Am liebsten will sie jeden Tag auch mit mir Hausaufgaben machen 😳 Aber ich habe dann auch irgendwann genug. 😉

Das gute Gefühl in der Beziehung im Lernprozess – über das ich auch im Video mit Genialico gesprochen habe – ist der entscheidende Faktor für den Lernerfolg.

Wenn unsere Kinder in der Schule den Lernerfolg nicht haben und dadurch Gefahr laufen, Ihr Selbstwertgefühl zu verlieren, hilft es unseren Kinder am meisten, wenn wir dafür sorgen, dass sie bekommen, was sie brauchen. Die Wege dahin sind unterschiedlich. Privatschule, Lernbegleiter, wenn die Familiensituation die intensive Begleitung der Kinder nicht zulässt, oder eben selbst Spaß mit den Kindern am Lernen haben. Auf keinen Fall jedoch leistungsorientierte Nachhilfe mit denselben Ansätzen, die schon in der Schule nicht funktionieren.

Freude und Beziehungsqualität, darum geht es aus meiner Sicht.

Die negativen Folgen in der Schule insgesamt wieder auszubügeln erfordert nun viel Zusammenarbeit mit den aktuellen Lehrern meiner Kinder und wird noch einige Zeit dauern. Dennoch erleben wir den Lernerfolg und das Durchbrechen der Leseblockade als wundervollen Erfolg!

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