Ungehorsam und Distanzlos

Beziehungs-Kompetenz-Desaster

Der Stoff aus dem die Schulgeschichten sind …

Ein Junge kommt neu in die Klasse. Er weiß noch nicht, ob er bleiben darf. Er ist neun Jahre alt und hat schon viel erlebt. Aber er will es unbedingt richtig machen. Doch dann passieren verschiedene Dinge …

Aber fangen wir von vorne an:

Distanzlos und Ungehorsam?

Der Lehrer hat bereits am ersten Tag den Eindruck, dass das Kind sich nicht verhält, wie erwartet. Im Gespräch später berichtet er von seinen Vorbehalten. Er spricht von Distanzlosigkeit und mangelnder Zurückhaltung auf unbekanntem Terrain. Auf die Frage, wie Kinder sich denn richtig verhalten würden unter diesen Umständen, antwortet er: „Zurückhaltend, schauend und gehorsam.“ Der Fragestellerin schwebt ein kleines zartes Mädchen von sechs Jahren vor bei dieser Schilderung. Eingeschüchtert und in sich gekehrt. Aber nicht ein große, neugieriger und begeisterungsfähiger Junge … Wir merken schon, wie ausgeprägt die Erwartungshaltung ist …

Nun kommt das Kind in die neue Klasse und hat erste Eindrücke. Zum Beispiel wusste es nicht, dass die Kinder nur auf Bänken sitzen und es keine Lehnen an Stühlen gibt. Wo soll sich der Junge nun anlehnen? Ihm fehlt es an Halt, aber er geht trotzdem mutig weiter.

In der Klasse weist ihm der Lehrer einen bestimmten Platz zu und der Junge setzt sich zwei Plätze weiter hin – und hat dafür einen guten Grund, doch den erfahrt Ihr erst später. Der Lehrer erfährt dies als Respektlosigkeit und Ungehorsam.

Er erwartet, dass das Kind bedingungslos seinen Anweisungen folgt und besteht weiterhin darauf, dass das Kind diesen Platz einnimmt.

Fünf mal weigert sich das Kind und gibt dann nach, als es den Zorn des Lehrers spürt und Angst bekommt … es wollte ja so dringend dazu gehören.

 

Überforderung auf allen Ebenen

Danach nimmt das Kind nach Angaben des Lehrers bis zum Beginn des Französischunterrichts gut am Unterricht teil. Doch dann in Französisch ist das Kind erneut verunsichert. Es kann noch kein Französisch. Es hat noch nie Französisch gehabt, außerdem tun ihm vom ungewohnten Sitzen auf dem Boden und den Bänken die Gliedmaßen und der Rücken weh. Doch auch die Französischlehrerin spricht von Ungehorsam und verweist das Kind aus der Klasse. Das Kind verliert sein Recht, diese Schule zu besuchen und muss sofort abgeholt werden.

Den Tränen nahe sagt es der Mutter: „Mama, ich kann kein Französisch und mir tut der Rücken weh.“ Das macht nichts, sagt die Mutter und umarmt das Kind. „Ich bringe es Dir bei!“ Ein Lächeln huscht über das Gesicht des Kindes und die Umarmung wird dankbar erwidert.

Es folgt ein Telefonat mit dem Klassenlehrer über die Vorfälle in der Klasse und daher stammen diese Angaben.

„Er war von Anfang an Ungehorsam.“, sagt der Lehrer.

Die Mutter fragt: „Wie sah dieser Ungehorsam aus?“

„Er hat sich schon gleich nicht auf den Platz gesetzt, den ich ihm zugewiesen habe. So kann es nicht gehen.“

 

Machtkampf statt Empathie

Und er schildert den ungleichen Machtkampf und berichtet, dass er das Kind nicht gefragt hat, warum es nicht dort sitzen will. Nach Ansicht des Lehrers sei es nicht nötig, denn das Kind habe zu gehorchen.

Die Mutter fragt nach: „Wieso muss er bedingungslos gehorchen, wo sie ihn doch noch gar nicht richtig kennen und er sie auch nicht? Und warum haben Sie ihn nicht gefragt, warum er nicht dort sitzen will?“

Der Lehrer: „Dafür habe ich keine Zeit und außerdem erwarte ich, dass er jeder meiner Anweisungen folgt!“

„Aha“, sagt die Mutter, „aber das wäre doch sehr bedenklich, wenn ein Kind jede Anweisung eines fremden Erwachsenen bedingungslos ausführen würde und noch dazu ist das Kind gar nicht nach seinem Grund für die Gehorsamsverweigerung gefragt worden?“

Ich erwarte bedingungslosen Gehorsam!

„Wie bereits gesagt, erwarte ich in der Schule bedingungslosen Gehorsam.“ So der Lehrer. „Sie können da gern anderer Ansicht sein.“

„Nun, das bin ich zweifellos“, antwortet die Mutter … „Ich glaube, mir würde es Angst machen, wenn die Kinder bedingungslos gehorchen, ohne Beziehungsaufbau und Kennenlernphase.“

Die beiden kommen nicht zusammen …

 

Gute Gründe für Ungehorsam

Doch die Mutter fragt das Kind nach dem Telefonat, warum es sich nicht dort hin gesetzt hat, wo es sollte. Die Antwort kommt ohne Nachdenken:

„Das eine Mädchen hat gesagt, wenn ich dort sitze, sitze ich neben dem Klassenblödmann. Und dann hätte ich nicht mehr dazugehört …“

Sehr geehrter Herr Lehrer:

„SO GEHT DAS NICHT!“

Sie sprechen von Distanzlosigkeit und Ungehorsam und übersehen die tiefgreifende Integritätsverletzung, die SIE dem Kind zugefügt haben!

Es gibt keine Autorität, die einfach so da ist, nur weil Sie älter oder zufällig Lehrer geworden sind.

Wenn Sie die Folgsamkeit und das Vertrauen eines jungen Menschen gewinnen wollen und seine Integrität unversehrt lassen wollen, müssen Sie bereit sein, dem Kind zu vertrauen. Das Kind braucht zuerst Ihr Vertrauen darin, dass es gute Gründe haben kann, warum es nicht tut, was Sie ihm sagen. Kinder wollen in der Regel immer kooperieren. Und dieses Kind hat kooperiert.

 

Dieses Kind hat kooperiert!

  • Es hat mit der Klassengemeinschaft kooperiert, die ja zahlenmäßig absolut eine Rolle spielt.
  • Es hat mit dem Lehrer kooperiert und sich gegen seine Sorge, nun ausgeschlossen zu werden, trotzdem auf den zugewiesenen Platz gesetzt.
  • Dieses Kind hat trotz Rückenschmerzen lange auf Bänken ohne Lehne und dem Boden gesessen und seinem Körper am Ende mehr gehorcht als dem Willen der Lehrerin im Französischunterricht.

 

Dabei musste es mit verschiedenen Versagensängsten zurecht kommen.

  • Nicht zur Gemeinschaft gehören, von Anfang an, weil man ja neben dem Klassenblödmann gesessen hatte, gleich am ersten Tag in den ersten fünf Minuten.
  • Es hatte dem Lehrer nicht gehorcht, obwohl es alles richtig machen wollte
  • und es war mit einer neuen Sprache konfrontiert und fühlte sich maßlos überfordert.
  • am Ende hat es mit seinen Rückenschmerzen kooperiert …

Statt Verständnis und Empathie bekam das Kind Ausgrenzung und das ausgeprägte Gefühl, komplett falsch zu sein.

Die Distanzlosigkeit der Integrität des Kindes gegenüber ist wohl kaum noch zu überbieten …

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