Wie lösen wir systemische Verpflichtungen?

Wann ist ein Weg zu Ende gegangen? Wenn Du einmal, zweimal oder dreimal am selben Punkt heraus kommst? 
Welchen Abzweig kannst Du nicht nehmen, weil die Ursache für das Verweilen im Kreisverkehr zu tief liegt? Oder weil eine mögliche Lösung Dein bisheriges Weltbild in Frage stellt? 
Bist Du bereit, den Abzweig zu nehmen?

Die Prozesse mit systemischen Aufstellungen und Familienstellen dienen dazu, den Abzweig zu finden oder auch, die Bereitschaft zu entwickeln, einen möglichen Abzweig gehen zu können. Doch warum ist es manchmal so schwer?

In der Aufstellungsarbeit können Teilnehmer erkennen, was sie bislang davon abgehalten hat, ein Gedanken- und Erfahrungskarussel zu verlassen, eingefahrene Denkmuster zu durchbrechen und neue Möglichkeiten für ihr Leben zuzulassen.

Je stärker wir allerdings unsere Überzeugungen pflegen und uns damit beschäftigen, sie zu festigen, desto schwerer ist es, sich davon wieder zu lösen, weil es eigentlich einer gesunden Überprüfung doch nicht stand hält. Trotzdem ist es natürlich möglich.

Was sind überhaupt Systemische Verpflichtungen?

Jede Lebenseinstellung, Gewohnheit und Überzeugung macht uns auch zum Mitglied eines bestimmten Systems unabhängig vom Familiensystem.

  • Raucher gehören zu den Rauchern,
  • Veganer zu den Veganern,
  • Tierschützer zu den Tierschützern,
  • Heterogene Paare, Homosexualität, Religionszugehörigkeit und was Dir sonst noch so einfällt.

In den Familiensystemen können wir systemische Verpflichtungen oft erkennen und auch die Aswirkungen auf das Individuum. Ähnlich wie im Familiensystem ist es oft mit großem Widerstand verbunden, wenn ein Mitglied sich entschließt, eine andere Lebenshaltung einzunehmen. Im Familiensystem kommt es eventuell zu massivem Gegenwind und es werden emotionale Karten ausgespielt, wie:

  • „Du hast mich nicht mehr lieb.“
  • „Mach Du nur, Du wirst schon sehen, was Du davon hast.“
  • „Auf mich brauchst Du nicht zählen, wenn es schief geht!“
  • „Der wird schon wieder kommen. (Zu Kreuze kriechen)“
  • Und manchmal werden Familienmitglieder auch regelrecht verstoßen, wie aus einer Art Sekte. Über diese Tante, Onkel, Tochter, Oma, Opa wird dann nicht mehr gesprochen. Sie werden zu einer Art Familiengeheimnis, das oft über mehrere Generationen ein Eigenleben führt.

Natürlich geht es auch anders. Aber dann brauchen wir keine systemischen Lösungen 😉

Systemische Verpflichtungen in (Glaubens)Gemeinschaften

In nicht familiären Zusammenhängen passiert etwas Ähnliches. Ändert ein Mitglied seine Einstellung zur Basis des Systems für das eigene Leben, ist es sozusagen abtrünnig. Je länger und konsequenter die Zugehörigkeit war, desto schwerwiegender die Folgen für das Individuum.

Neue Erfahrungen und Erlebnisräume bedrohen die Basis des Systems. Und je nachdem, wie stark sich einzelne Systemmitglieder mit bestimmten Aspekten der Basis verbunden fühlen, erfahren sie die neue Wahl des „ehemaligen“ Systemmitglieds als einen Angriff auf sich selbst. Das ist es natürlich nicht, denn das Systemmitglied wechselt nur in eine benachbarte Lebenswirklichkeit – Basis. Eine Lebenswirklichkeit, mit der er sich wohler fühlt und wo das eigene Potential gesünder entfaltet werden kann. Zumindest in den meisten Fällen ist das so.

Wechsel in ein anderes System

Manchmal wechselt ein Systemmitglied auch in eine benachbarte oder entfernte Lebenswirklichkeit, weil ihm im eigenen und vertrauten System die Luft zum Atmen gefehlt hat. Das passiert oft, wenn Menschen „ohne verstoßen zu werden“ das eigene Familiensystem verlassen, um erst einmal heraus zu finden, wer sie selbst sind. Das erfordert manchmal den ein oder anderen Umweg über teilweise unpassende Systemzugehörigkeiten.

In mal mehr mal weniger Fällen kommt es zum Angriff auf die Abtrünnigen. In vielen sektenartigen Religionsgemeinschaften dürfen die Mitglieder nicht mehr mit den Abtrünnigen sprechen, selbst dann, wenn sie seit vielen Jahren befreundet waren.

Doch solche massiven Reaktionen kommen nicht nur in Sekten und religiösen Gruppierungen vor. Auch Ex-Raucher werden manchmal von ihren Freunden gemieden mit Botschaften: „Du bist jetzt ja was besseres … oder ähnlichem.“

Jemand, der lange in einer heterogenen Partnerschaft gelebt hat, weil etwas anderes nicht sein durfte und sich dann zu seiner Homosexualität bekennt, erlebt auch oft, nicht mehr dazu gehören zu können zum bisherigenSystem, zu gemeinsamen Freunden und manchmal auch Verwandten.

Viele solcher Systeme sind heute nicht mehr so massiv ausgrenzend wirksam wie noch vor einigen Jahren. Doch es kommt immer noch vor. Oft ist es nur noch ein Kern der „extrem Gläubigen“, die keine andere Weltsicht zulassen können und schon gar nicht, wenn dadurch Teile der Basis in Frage gestellt werden müssten, wenn sie auch eine Wirklichkeit sein dürfen.


Wenn die Basis eines Glaubenssystems oder einer Gemeinschaft einen Anspruch auf die einzige Wahrheit erhebt, gibt es im Grunde keine Chance, weiterhin zueinander zu finden. Hier bleibt nur die strikte Trennung von dem ursprünglichen „Heimatplaneten“. Das kann sehr schmerzhaft für die Individuen sein, denn in der Regel war die Entscheidung für einen Systemwechsel eine Entscheidung für die eigene seelische oder / und körperliche Gesundheit und keine Entscheidung gegen die Gemeinschaft und ihren Individuen.

Es braucht waches Bewusstsein und Klarheit darüber, dass ich als Individuum unabhängig vom System existiere und dass es keinen aktiven oder passiven Angriff auf das jeweilige System bedeutet, nur weil ein Mitglied das System verlässt und dafür gute Gründe hat.

Die systemischen Lebenszusammenhänge und Wirksamkeiten erkennen und verstehen zu können, gibt uns zumindest einen Teil unserer Freiheit und Individualität zurück. Den anderen Teil müssen wir uns selbst erlauben.

Herzlichst

Beatrice Lührig

 

 

 

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