Lernblockaden durch Bildschirmmedien?

Ich bin Mama von sechs Kindern. Zwei Töchter (19 und 5) und vier Söhnen (17, 11, 10, 7). Und wir haben erschütternde Erfahrungen mit der Nutzung von Bildschirmmedien gemacht, die ich am liebsten selbst nicht wahrhaben wollte …

Als ich das erste mal Mutter wurde, wollte ich alles richtig machen. ALLES. Im Laufe der ersten sechs Lebensjahre meiner ältesten Kinder kam ich durch eine Nachbarfamilie mit der Waldorfpädagogik in Kontakt und viele Elemente konnte ich sofort begeistert in meinen Alltag integrieren. Ich stellte auch fest, dass hier endlich mal jemand sofort gut fand, dass wir keinen Fernseher hatten und auch keinen haben wollten. Meine Begeisterung für das Fernsehen hielt sich schon wegen der permanenten Werbeflut in Grenzen und ich verspürte keinerlei Sehnsucht danach, mich mit immer neuen Konsumwünschen meiner Kinder herumzuschlagen.

Werbefreie Medien

Werbefrei musste es also grundsätzlich sein. Deswegen kamen auch keine Wendy und Barbie Zeitschriften bei uns ins Haus. Diese quellen vor Kaufanlässen nur so über. Nach der Einschulung unserer Großen gab es stattdessen die werbefreie Vorhang Auf Zeitschrift (Link).

Bis unsere älteste Tochter 12 Jahre alt war, waren Bildschirmmedien also kein Thema bei uns. Es gab sie einfach nicht und sie wurden auch nicht vermisst. Der Computer war nur zu Arbeitszwecken an und auch nur am Abend, wenn die Kinder im Bett waren.

Dann zog das erste IPad bei uns ein und wir zogen als Familie in ein Neubaugebiet. Zeitgleich mussten wir uns für einige Jahre aus dem Waldorf Umfeld verabschieden und im selben Atemzug änderte sich auch das Lebensumfeld unserer jüngeren Kinder drastisch. Wir fanden uns in einer tollen Nachbarschaft, mit sehr vielen tollen Kindern und Familien und wir liebten das auch. Aber Medien freie Kindheit schien mir unmöglich. Ich hatte auf einmal das Gefühl, mich anpassen zu müssen, meinen Kindern auch Bob der Baumeister zu erlauben, Disney-filme gucken zu lassen und lustige Spiele am IPad … auch mich faszinierte die neue Technik und die interaktiven Spiele am Touchscreen. Unsere Mittleren Kinder waren zu dem Zeitpunkt knapp fünf und sechs Jahre jung und normal entwickelt.

Darf ich was gucken Mama?

„Darf ich was gucken Mama?“, war die erste Frage nach dem Kindergarten und immer öfter beantwortete sich sie mit Ja, aber nur kurz … aus dem Kurz wurden schnell eineinhalb Stunden und ich fand insgeheim immer neue Entschuldigungen dafür, dass sie noch eine und noch eine Folge von der DVD gucken durften. Wir hatten inzwischen einen Bildschirm an die Wand geschraubt und einen DVD Player angeschlossen. Da läuft zwar keine Werbung, dafür sind jedoch bis zu zehn Folgen einer „harmlosen“ Kindersendung hintereinander verfügbar. Entweder war es draußen zu warm, zu nass oder zu kalt oder ich selbst war zu müde, noch nicht mit der Wäsche fertig, das Essen noch nicht gekocht ….

Das ewig schlechte Gewissen saß mir im Nacken und ich ignorierte es so gut ich konnte.

Impulsives Verhalten nach Medienkonsum

Gleichzeitig spürte ich, dass ich dem Verhalten danach immer weniger gewachsen war. Unsere Kinder hatten einen extremen Bewegungsdrang, sobald der Bildschirm aus war und fielen oft innerhalb von Sekunden übereinander her. Es gab Streit und Chaos und das einzige, was half, war ein Spaziergang an der frischen Luft. Nun hatte ich jedoch noch ein Kleinkind und ein Baby zu versorgen, die ich hätte anziehen und mit nach draußen nehmen müssen. Die großen Kinder wollten unterstützt und versorgt werden und …. ja, ich hatte mir eine häusliche Katastrophe erschaffen, aus der ich keinen Ausweg sah. Und dabei war es in unserer damaligen Umgebung mit gut situierten Familien noch relativ einfach, zumindest die Filmauswahl zu beschränken.

Nach unserem Umzug in den Süden Deutschlands fanden wir uns im alten Ortskern wieder, umgeben von Spielkameraden, deren Eltern wenig bis gar nicht auf den Medienkonsum ihrer Kinder achteten. Die Kinder, auf die meine Kinder hauptsächlich trafen, wenn sie im Park spielten, kannten alle Actionfilme ab sechzehn, spielten Ego Shooter an der Konsole ab 18 und gaben meinen Kindern das Gefühl, hinterm Berg aufgewachsen zu sein. Hier weigerte ich mich erfolgreich, diesen Medienwahnsinn mitzumachen und blieb bei unserer Filmauswahl.

Lese- und Schreibschwierigkeiten durch Medienkonsum

Trotzdem sah ich, wie die Entwicklungskräfte meiner Kinder sich stauten, ihnen das Lesen- und Schreiben lernen unmöglich schien und einer unserer Söhne eine extreme Fokussierung auf Film und Bildschirmspiele entwickelte. Irgendwann hielt ich es kaum noch aus, zu sehen, was mit unseren Jungen geschah, wenn der Bildschirm aus ging … meine Bereitschaft, mir das wirklich anzuschauen, wurde auch durch das extrem unsoziale Verhalten der „Freunde meiner Kinder“ und auch meiner eigenen Kinder unterstützt. Der Schmerz zwang mich dazu … Gleichzeitig vermisste ich so sehr die geerdete und liebevolle Umgebung der Waldorf-Familien und Pädagogik. Ich vermisste es, mich in einem Feld zu bewegen, das mir erlaubte, meine wichtigsten Werte zu leben, ohne über die Maßen darum kämpfen zu müssen.

Auch mein Mann sah deutlich, dass unsere Kinder und wir als Familie wieder in ein stärkendes und unterstützendes Lebensumfeld gelangen mussten. Meine monatelange Suche nach Schulplätzen an einer Waldorfschule begann und nahm im Sommer 2017ein glückliches Ende.

Leben ohne Bildschirmmedien

An dem Tag, wo wir die Zusage für die neuen Schulplätzen bekamen, verbannte ich sämtliche DVDs auf den Dachboden. Wir bauten gemeinsam den Bildschirm von der Wand ab und als Eltern trafen wir die Entscheidung mindestens so lange Bildschirmmedien zu fasten, bis unsere Kinder wieder normal spielen können und der Bewegungsdrang keine Explosionen mehr aufwies.

Unsere Kinder waren zu Beginn nicht allzu begeistert, doch da wir uns als Eltern einig waren und die Sommerferien mit Aussicht und Vorfreude auf eine wunderbare neue Schule vor der Tür standen, hielt sich der Widerstand in Grenzen. Es dauerte tatsächlich nur etwa drei Tage, bis natürliche Rollenspiele und ruhige Spielphasen wieder ihren Platz in unserem Alltag eingenommen hatten. Hätte ich vorher gewusst, dass es sogar entspannter und ruhiger in unserem Familienalltag werden würde, wenn es KEIN FERNSEHEN gibt, hätte ich mich sicher eher daran getraut.

Gespräche und Erzählungen

Leider haben wir unseren Kindern über drei Jahre sehr viel Lebens- und Entwicklungszeit gestohlen, indem wir ihnen gestattet haben, sich vor dem Fernseher berieseln zu lassen. Wir haben ihnen den Konsum von Geschichten und Bild gewaltigen Spielen zu leicht gemacht, anstatt ihre Seele zu pflegen und zu hüten und ihnen Raum für innere Bilder durch Erzählungen und Gespräche zu schenken. So habe ich es bei meinen älteren Kindern und auch bei den beiden jüngsten getan. Die beiden mittleren weisen deutliche Lernschwierigkeiten auf und sind in der Entwicklung ihrer Lese- und Schreibkompetenzen meilenweit hinter ihrer Altersgruppe zurück. Das ist der Preis, den wir und unsere Jungen für unsere Bequemlichkeit und Anpassung an das Falsche zahlen.

Allerdings gibt es auch Hoffnung. Denn nach einem Jahr kann ich sagen, dass wir das Ruder gerade noch rechtzeitig herum gerissen haben und die Entwicklung zwar noch nicht altersgemäß ist, jedoch deutlich schneller voran geht, als wir in den drei Jahren davor hoffen konnten. Viele ungünstige Verhaltensweisen haben sich schon ganz oder mindestens teilweise aus geschlichen. Von der Impulsivität merken wir zu hause schon lange nichts mehr. In der Schule dauert es etwas länger und auch da sind deutliche Fortschritte erkennbar.

Abschließend möchte ich sagen, dass es für unsere Kinder und uns als Familie beides brauchte: Das veränderte Umfeld und die Bereitschaft, unseren Kindern Medien freien Entwicklungsraum zu schenken.

Wie sich in den verschiedenen Altersstufen der Medienkonsum auf die Entwicklung unserer Kinder auswirkt, lässt sich am besten in der Broschüre Der Waldorf-Struwwelpeter vom Verband der freien Waldorfschulen nachlesen. Dort ist auch erwähnt, dass sich bis zum neunten Lebensjahr die Lese- und Schreibkompetenzen entwickeln sollten und wie diese Entwicklung durch die Nutzung von Bildschirmmedien beeinträchtigt werden kann. Leider muss ich mir eingestehen, dass genau dies bei zwei meiner Söhne passiert ist und wir aufgefordert sind, hier auszugleichen und nachzuarbeiten. In diesem Sinne hoffe ich, einige Eltern dazu anregen zu können, ihren Umgang mit Bildschirmmedien in der Familie zu überdenken und vielleicht für ihre Kinder weniger schwerwiegende Hindernisse zu erschaffen.

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