Kriegstraumata und Missbrauch

Täter sind zuerst Opfer gewesen …

Nach der letzten Aufstellungsarbeit am vergangenen Wochenende, bin ich wieder sehr nahe an einem Herzens-Thema aus meinem Buch „Trauma und MenschSein – Aus Liebe zum Leben“.

Wer mein Buch gelesen hat, weiß, wie sehr es mir ein Anliegen ist, anzuerkennen, wie ausgeliefert alle Beteiligten innerhalb eines Straftatbestandes ihrem eigenen Unbewussten sind. Weil wir als Gesellschaft noch keinen gesunden Umgang mit unserer Ohnmacht und unseren abgespaltenen Bewusstseinsanteilen gefunden haben, scheint die einzige mögliche Lösung, Strafen über Täter zu verhängen. Ich sehe absolut ein, dass Menschen manchmal sowohl vor sich selbst als auch vor potentiellen Tätern geschützt werden müssen. Nur sollte der Gedanke dann auch entsprechend sein. Eine Sicherheitsverwahrung sollte der Sicherheit dienen und nicht der Bestrafung. Kein Opfer wird dadurch seelisch gesund, dass ein anderer Mensch bestraft ist.

Jeder Täter ist schon VOR seiner Tat bestraft, weil er die Tat nur begehen kann, wenn er sich selbst und die Auswirkungen seines Handelns nicht mehr spüren kann.

Sexueller Missbrauch und Kriegstraumata

In vielen Aufstellungen finde ich meine frühere Vermutung – bedingt durch meine eigenen Auseinandersetzung mit meiner persönlichen Geschichte – bestätigt, dass die zahlreichen Missbrauchsfälle, die in den letzten Jahren auf den Tisch kommen, mindestens sehr häufig ihren Ursprung in Kriegstraumata haben. Familiäre Beziehungskonflikte mit Elternteilen, die sexuell missbraucht worden sind, lassen sich zurück verfolgen in die Kriegszeit.

Junge Männer und Kinder sind in den Krieg geschickt worden, um zu töten. Töten kann nur, wer sich von sich selbst und seinen Gefühlen trennt. Und das ist die einzige Möglichkeit, im Krieg zu überleben.

Mein Mann und ich sind beide „missbrauchserfahren“, wie so viele andere Menschen auch. Bei mir war es mein Großvater, der mit 19 im Krieg war und auch in Gefangenschaft in Russland. Von dort ist er geflohen. Der Vater meines Mannes war 16 Jahre jung, als er in den Krieg geschickt wurde. Im aktuellen Beispiel vom Wochenende war der spätere Missbrauchstäter 15 Jahre, als er zum Töten ausgezogen ist.

Im Krieg kann nur überleben, wer bereit ist zu töten.

Wer aber tötet, trennt auch sich selbst von seiner Lebenskraft. Auch die Tatsache, dass der eigene Lebenslauf durch Krieg und Zerstörung unterbrochen wird, trägt dazu bei, sich vom eigenen Lebensimpuls zu trennen und den Anschluss an den eigenen Lebensplan, die eigenen Lebensimpulse zu verlieren.

Diese Männer heilen nicht einfach, nur weil der Krieg vorbei ist. Im Krieg kommt es häufig zu Massenvergewaltigungen, auch heute … Auch die eigenen Kameraden werden missbraucht. Warum?

Ich glaube, es ist die Suche nach dem Lebendigen, nach dem eigenen Lebensimpuls. Ich sehe einen Zusammenhang zwischen der Sehnsucht nach dem eigenen Leben, dem sich-selbst-Fühlen und den Missbrauchserfahrungen der Nachfolgenden zwei Generationen.

Lebenskraft und Sexualität

Gelebte Sexualität bringt Leben hervor. Sind Menschen regelrecht besessen von ihrer sexuellen Triebkraft, kann dahinter ein ungestillter Hunger nach eigenem Leben, nach sich Fühlen und Lebendig sein stehen.

Wenn ich mich aufgefordert sehe, in einem solchen System die gesunde Ordnung wieder herzustellen, muss ich als erstes wieder eine Beziehung des späteren Täters zu seinem eigenen Lebensimpuls, seiner eigenen Lebenskraft, seinem Fühlen wieder herstellen. Dabei geschieht Folgendes:

Bevor die Lebenskraft personifiziert in das System aufgenommen wird (von mir dazu gestellt) gebärdet sich der Stellvertreter des offensichtlichen Täters gegenüber den Stellvertretern seiner Opfer so, als sei er im Recht. Er hat oft keine Möglichkeit, sein Fehlverhalten zu erkennen und zu bereuen.

In dem Moment aber, wo die Beziehung zwischen seinen eigenen Lebensimpulsen und seinem ICH, seinem Identitätsbewusstsein wieder hergestellt wird, wird der betreffende Stellvertreter nahezu überrollt von Trauer und Schmerz und einer tiefen Reue über das, was er seinen Mitmenschen und oft den eigenen Kindern angetan hat. Er tritt zum ersten Mal in eine fühlende Beziehung zu seinen eigenen Taten.

Gleichzeitig ist wichtig, schon sehr bald die Ohnmacht personifiziert mit ins System zu stellen. Warum? Weil sonst einige Stellvertreter den Boden unter den Füßen verlieren. Sie fühlen sich ohnmächtig. Doch dieses Gefühl der Ohnamcht erzeugt oft Angst und wird entsprechend vehement versucht, ausgeklammert zu werden. Die Ohnmacht als Person/Stellvertreter hinein zu legen (Ohnmacht liegt eher flach am Boden) gibt den Stellvertretern sofort ihren sicheren Stand zurück. Alle im System Beteiligten sind auf Grund ihrer Lebenserfahrungen ohnmächtig gegenüber den eigenen schrecklichen Erlebnissen, dem, was passiert ist. Diese Ohnmahct will bewusst als Teil unseres Menschseins gesehen und anerkannt werden, denn sie ist sowohl Teil unserer schlimmen Taten, wie auch Teil unserer Erfahrungen als mögliches Opfer. Ohnmacht ist eine durch und durch menschliche Erfahrung und will genau so angenommen werden.

Mal eben die Beziehung zur Mutter verbessern?

In eine solche Aufstellung kommst Du vielleicht als Kind einer missbrauchten Mutter und Du willst eigentlich „nur“ Deine Beziehung zu Deiner Mutter und damit zu Dir selbst verbessern und vertiefen, und genau das geschieht auch in einer solchen Aufstellung, denn sobald ein Täter im Familiensystem wieder mit seinem Fühlen verbunden ist, geht keine Gefahr mehr von ihm aus. Die unterschwellige Bedrohung, die sogar nach dem Tod eines möglichen Täters noch existieren kann, löst sich dadurch auf.

Doch was mich an diesen Themen immer wieder so sehr berührt, ist die bewusste Begegnung damit, was es mit ALLEN nachfolgenden Generationen macht, wenn wir meinen, wir könnten irgendjemanden in den Krieg schicken.

Wir können keinen Krieg führen, ohne uns selbst zu zerstören.

Und daher freue ich mich über jeden, der bereit ist, in einen fühlenden Kontakt mit unserer Geschichte und dem, was uns als Menschen ausmacht, zu gehen. Ganz besonders auch in Form von Aufstellungsarbeit. Kriegsereignisse spielen dort leider immer wieder eine wesentliche Rolle. Nicht in jeder Aufstellung und nicht bei jedem Thema, aber doch in nahezu jedem Seminar mit Aufstellungen.

Wenn Du Fragen zu dem Text hast, stelle sie bitte gern. Ich versuche, alles zu beantworten. Wir können uns als Menschen nur aus freien Stücken auf einen heilsamen Weg begeben.

Die Teilnahme an Aufstellungsseminaren setzt eine gute psychische und emotionale Stabilität voraus. Die Teilnahme ist nicht als Ersatz für eine Therapie geeignet. Sie dient dazu, sich bewusst mit unseren Beziehungen auseinander zu setzen, Beziehungsbewusstsein aufzubauen und aktuelle menschliche Werte auf ihre Nachhaltigkeit zu überprüfen und eventuell neue und liebevollere Werte in das eigenen Beziehungsbewusstsein einfließen zu lassen. Die Teilnahme ist auch geeignet, um Vorurteile gegenüber sich selbst und den Mitmenschen abzubauen und insgesamt eine friedlichere und erholsamere seelische und emotionale Grundhaltung zu fördern.

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