Für Michael

Michael ist der Vater meiner beiden Erstgeborenen Kinder. Ich habe mich von ihm getrennt, da war unser kleiner Sohn fast ein Jahr. Am 27. Oktober 2011 ist Michael gestorben. Doch haben wir erst einen Monat später von seinem Tod erfahren. Heute schreibe ich hier einen öffentlichen Brief an ihn, der auch unseren gemeinsamen Kindern gewidmet ist:

Lieber Michael,

es war ein Schock und Du fehlst noch immer. Besonders unseren beiden Kindern fehlst Du. Ich kam am 29. Oktober aus dem Krankenhaus und Lina und Frederik sagten mir, sie können Dich nicht erreichen. Ich versuchte, Dich auf Deinem Handy anzurufen. Mir war unwohl und ich spürte, dass da etwas nicht stimmt. Zuhause warst Du auch nicht. Also begann ich, in den Krankenhäusern anzurufen. In der Salzdahlumer Straße sagten sie mir:

„Ja, der war hier, doch mehr können wir Ihnen nicht sagen.“

„Ich werde ihn schon finden“, sagte ich zum Abschied. Aber ich fand Dich nicht. Niemand wusste von Dir, es gab keine gemeinsamen Kontakte mehr und auch die alten Kontakte wussten nicht, wo Du bist. Nach mehr als drei Wochen bekamen wir einen Anruf vom Gesundheitsamt. „Wir haben gehört, dass Michael Jung Kinder gehabt hat …“

Ich war wie erstarrt. „Ja“, sagte ich. “Wir haben zwei gemeinsame Kinder. Wir versuchen ihn schon seit Wochen zu erreichen …“

„Das tut mir leid“, sagt der Herr am Telefon. „Herr Jung ist am 27. Oktober verstorben und wir wussten gar nicht, dass er Kinder hat. Seine Schwester haben wir als einzige lebende Verwandte erreicht und sie wollte nichts mit seinem Tod zu tun haben. Leider hat sie uns nicht darüber informiert, dass es Kinder gibt. Ich habe inzwischen gesehen, dass die Kinder von Ihrem heutigen Mann adoptiert sind. Daher gibt es eine Informationssperre …“

„Ja, sie sind adoptiert, aber er war trotzdem immer ihr leiblicher Vater“, sagte ich … mehr konnte ich nicht sagen … wir verabredeten uns für einen späteren Zeitpunkt, um noch einmal zu telefonieren. Vielleicht gab es die Möglichkeit, noch ein paar Erinnerungen und persönliche Gegenstände aus dem verwalteten Nachlass zu bekommen.

 

Papa ist tot

Jetzt musste ich unseren Kindern sagen, dass Du tot bist. Und ich glaube, ich war nicht besonders geschickt dabei … Ich habe sie zu mir gerufen und ihnen gesagt:

Papa ist tot und er ist schon begraben … anonym…

Anonym begraben, das hatte ich gerade erfahren … niemand war bei Dir, weder als Du starbst, noch als Du Deinen letzten Weg angetreten hast. Ich wäre da gewesen, wenn ich es gewusst hätte …

Papa ist tot … Lina stockte der Atem und sie lief schweigend auf ihr Zimmer. Frederik weinte bitterlich und konnte sich stundenlang nicht mehr beruhigen. Ich hielt ihn im Arm und hatte keine Antworten auf seine Fragen. Später bin ich zu Lina. Sie hat zwei Jahre gebraucht, bis sie das erste Mal geweint hat.

 

Und ich liebte Dich doch …

Lieber Michael, so lange habe ich gebraucht, bis ich meine Liebe zu Dir fühlen konnte. Ich konnte es schon, als Du noch lebtest. Und ich hoffe so sehr, dass Du wenigstens ein bisschen wahrnehmen konntest, wie dankbar ich Dir für das Geschenk unserer Kinder bin. Es war nicht einfach mit uns beiden. Wir waren beide krank, als wir uns kennen lernten. Ich wollte gesund werden und habe es geschafft. Du hast mir gesagt, wie sehr Dich das beeindruckt.

„Du hast es wirklich geschafft“, hast Du einmal zu mir gesagt. Ja, das habe ich. Aber das habe ich auch in einem Teil Dir zu verdanken, der Du nicht gesund geworden bist. Die Psychopharmaka haben Deine körperliche Gesundheit ruiniert und waren wahrscheinlich am Ende auch dafür verantwortlich, dass Du so jung gestorben bist. Und trotzdem haben sie Dir irgendwie ein bisschen Zeit geschenkt. Und diese Zeit war auch meine Rettung, denn Du botest mir einen Zufluchtsort und einen sicheren Rahmen für einen Neubeginn. Du hast mir den Halt gegeben, den ich brauchte, damit ich neu anfangen konnte zu leben. Und nicht nur das: Du hast uns zwei Kinder geschenkt. Ja, ich weiß, dass Du nicht so für sie da sein konntest, wie Du es Dir wohl auch selbst gewünscht hattest. Du warst absolut überfordert, wenn eines der Kinder geweint hat. Und Frederik hat praktisch nur geschrien im ersten Jahr.

Auf einmal war es kein Halt mehr, den Du mir gabst. Auf einmal hatte ich zu viel Arbeit, weil Du mir nicht helfen konntest und unser zweites Kind so krank war. Ich konnte nicht bei Dir bleiben. Und ich fühlte mich schuldig. Schuldig, weil ich das Gefühl hatte, Dich eigentlich nie richtig geliebt zu haben. Ich dachte, ich hätte Dich nur benutzt … heute weiß ich, dass auch Du eine gesegnete Zeit gehabt hast, als wir als Familie zusammen lebten.

Du hast für mich mit dem Rauchen aufgehört und das Bier gegen Null eingeschränkt. Du bist regelmäßig zur Arbeit gegangen und hast als Klavierstimmer wirkliches Talent gehabt.

Doch als ich gegangen bin, hast Du sofort wieder mit dem Rauchen und Trinken angefangen und könntest mit den Monaten immer weniger Deiner Arbeit nachgehen. Es schien, als hättest Du nur für mich gelebt. Das hat mich erschreckt damals. Ich dachte, Du hättest es auch für Dich selbst getan.

 

Gemeinsam Eltern bleiben? Eine Herausforderung

Unsere Kinder sollten ihren Papa behalten, doch das war nicht einfach. Für mich war es leichter, mit den Kindern allein zu leben. Doch Du konntest keine zwei Stunden mit ihnen allein verbringen. Wie solltest Du auch mehr leisten können, wenn die Bedinungen für Dich schlechter wurden?

Du bist sogar abends kurz weg gegangen, wenn sie bei Dir waren und unsere Tochter hatte große Angst. Es fiel mir sehr schwer, Dir die Kinder anzuvertrauen und auch Dir fiel es schwer, sie zu Dir zu holen. Also kamst Du ab und zu zu Besuch oder hast sie zum Spielen auf dem Spielplatz abgeholt für zwei Stunden. Erst später, nach ein paar Jahren, hast du mit Unterstützung Deiner Mutter die Kinder am Wochenende ab und zu bei Dir haben können.
Ich sehe, dass Du alles getan hast, was Du konntest. Und es war genug.

Du warst der beste Papa, der Du sein konntest.

Als Frederik sechs Jahre alt wurde, kamst Du zu seinem Geburtstag kurz vorbei. Du warst schlecht drauf an diesem Tag. Es war wohl schwer für Dich, zu sehen, dass wir so glücklich sind als Familie. Zwei weitere Kinder waren geboren und bald war Weihnachten. Wir hatten ein helles und sauberes Häuschen und einen schönen Garten. Die Sonne schien auf den Esstisch. Irgendwas hat Dich gepackt und ich weiß nicht mehr, was passiert ist. Auf jeden Fall fingst Du auf einmal an, zu schreien und hast gesagt:

„Soll Wolfram doch die Kinder adoptieren.“ Dann bist Du einfach gegangen.

Frederik saß unter dem Tisch und hat geweint und Lina hat an diesem Tag für lange Zeit aufgehört, zu reden … Kurz nach Weihnachten kam ein Brief von Deinem Anwalt, Du würdest die Kinder zur Adoption frei geben und Wolfram sagte, er würde es machen wollen, dann wären alle gleichberechtigt.

 

Vier Jahre ohne Papa

Vier Jahre haben wir Dich nicht wieder gesehen … und auf einmal standest Du im Herbst vor unserer Tür im Rösekenwinkel in Braunschweig. Das Haus hatte noch keinen Putz und Innen war noch mehr oder weniger Rohbau. Du hast Dich entschuldigt und wir hatten Dir längst verziehen … unsere Kinder waren so froh, Dich wieder zu sehen. Beiden hast Du einen wichtigen Gegenstand von Dir geschenkt. Frederik hat Deine Gitarre bekommen … alle zwei Monate bist Du vorbei gekommen und hast ein paar Stunden mit Deinen Kindern verbracht. Wir ahnten nicht, dass es die letzten sein würden … ein Jahr später warst Du tot … einfach so …

Heute schreibe ich hier für Dich und unsere Kinder. Ich möchte Dir danken, dass Du in Deinen letzten Monaten noch an uns gedacht hast und Deine Kinder umarmt hast. Du hast Dich bei mir bedankt dafür, dass es den Kindern so gut geht, dass sie so prächtig gedeihen und so gesund sind. Ich danke Dir, dass Du unseren Kindern den Weg in diese Welt möglich gemacht hast!

Ich bin traurig, dass Du nicht mehr hier bist als Mensch. Wie schön wäre es, wenn Du an den Schulabschlüssen unserer Kinder dabei gewesen wärest. Oder zum Kaffee … aber das bist Du nicht. Stattdessen denke ich an all das, was ich versäumt habe.

 

Abschied für immer

Denn tatsächlich konnten unsere Kinder noch einmal in Deine alte Wohnung, um sich zu verabschieden. Nur konnte ich nicht mit … ich war sehr krank und bettlägerig – und mit unserem sechsten Kind schwanger, ein Mädchen … So ist Wolfram mit unseren beiden hingefahren und Lina und Frederik konnten die Fotoalben mitnehmen und sich umschauen. Sonst durften sie nichts mitnehmen, denn sie waren ja nicht erbberechtigt. Sie konnten also nur sehen, wie verlassen Deine Wohnung ist und die Umstände sehen, unter denen Du die letzten Jahre gelebt hast. Du hättest wirklich Hilfe gebraucht … es war wohl ein Schock, wie es aussah. Und wie einsam musst Du gewesen sein dort. Nur mit Deinen Stimmen im Kopf, die Dich mal leiser mal lauter und doch täglich begleiteten. Nikotin und Bierdosen, Bratwurst und Nudeln …

Jetzt sitze ich hier im Hochschwarzwald auf unserer Terrasse und denke an all das, was wir hätten tun können und doch nicht getan haben. Und ich denke an das, was noch viel wichtiger ist:

Das Wunder, unsere zwei gesunden Kinder begleiten zu dürfen.

Danke, dass Du gelebt und geliebt hast.
Danke, dass Du Teil meines Lebens bist.
Und wo immer Du jetzt bist, Du bist ein Teil von uns.

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