Eurythmie – das Spezialfach

Am Samstag war Monatsfeier an der Waldorfschule meiner Kinder und ich hatte einen interessanten Platz im Zuschauerraum. Direkt vor einem Großeltern- oder Tanten und Onkel -Paar von Waldorf-Neulingen. (Das habe ich dem Gespräch entnommen.) Quereinsteiger mitten im Schuljahr, die zum ersten Mal mit Eurythmie konfrontiert sind. Und diesmal war es ein richtiges Eurythmie-Fest, denn an der letzten Monatsfeier war der Eurythmielehrer verhindert und nun wurde alles gezeigt, was in den verschiedenen Klassen erarbeitet wurde.

„Eurythmie ist gewöhnungsbedürftig“, hieß es da.

“Aber sie wachsen ja damit auf.“, sagte die andere Stimme.

“Jaja, das ist eigentlich das einzige Fach, was ein bisschen komisch ist. Das haben sie nur zweimal die Woche. Sonst haben sie ganz normale Fächer. Englisch und Französisch ab der ersten Klasse!“

Ich selbst versuchte, die Aufführungen  in mich aufzunehmen, wahrzunehmen, was in den einzelnen Klassenstufen gerade Thema ist und mich an die Waldorfthemen der verschiedenen Jahrgänge zu erinnern. Ich bin kein Waldorf-Neuling sondern seit 13 Jahren mit der Waldorfpädagogik vertraut und ihr sehr verbunden.

Und ich LIEBE Eurythmie!

So versuchte ich, nicht allzu genervt von der Unterhaltung zu sein und mich in die Perspektive dieser neuen Familie zu versetzen, die da eurythmisch ins kalte Wasser geworfen worden war. Denn anders als bei neuen Eltern, die oft gleich zu Beginn des ersten Schuljahres einen Elternabend mit Eurythmie erleben dürfen – bevor sie die erste Monatsfeier sehen – wissen diese Eltern und Angehörigen kaum etwas mit den ungewohnten Bewegungen anzufangen. Sie können auch nicht gleich erkennen, welch komplexe Bewegungen dort von einer größeren Kindergruppe im Raum ausgeführt werden und sie wissen auch nicht, wie schwer es sein kann, bis eine Klasse so gut miteinander harmoniert.

Eurythmie ist kein Makel der Waldorfpädagogik sondern ein Teil ihres Herzens!

Ich hatte das Glück, schon bei meiner ältesten Tochter vor vielen Jahren eigene Erfahrungen mit Eurythmie machen zu dürfen. Die Eurythmielehrerin meiner Tochter war eine fröhliche, manchmal quirlige und achtsame Frau, deren Begeisterung für Eurythmie wohl auf die allermeisten Eltern übersprang, denn sie konnte wunderbar erklären und demonstrieren, welch wohltuende, ausgleichende, die kindliche Entwicklung und den Unterricht / Lernprozess unterstützenden Eigenschaften Eurythmie hat.

Vorhang Auf – Zeitschrift für Kinder

 

Neben Rhythmusgefühl, Selbst- und Fremdwahrnehmung und Gemeinschaftsbewusstsein unterstützt die praktizierte Eurythmie auch das Geometriebewusstsein, die Sprachentwicklung, Feinmotorik und kann als Heiluerythmie sogar in Genesungs- und Heilungsprozessen eingesetzt werden.

 

Eurythmie ist Bewegungskunst

Mehr lesen zu Eurythmie  an Waldorfschulen.

Eurythmie ist die Kunst, Sprache, Klänge, Farben und Gefühle in Bewegungen umzusetzen. Auch ganze Märchen, Gedichte un die Erzählungen können Eurythmisch auf die Bühne gebracht werden. So war unsere älteste Tochter damals noch zusätzlich in der Märcheneurythmie-AG und ich erinnere mich noch gut an die Aufführung von Spindel, Weberschiffchen und Nadel.

Während ich hier schreibe, frage ich meine Tochter, was ihr von damals geblieben ist. Sie sagt dazu selbst, dass die Eurythmie ihr erst das Körpebewusstsein gegeben hat, was sie an sich selbst vermisst hätte. Sie spürte nach eigenen Angaben nicht, wie hoch sie die Arme hielt, wenn sie nicht hinschaute, ob sie gleich hoch seien, wie die der anderen, oder nicht. Auch das Gespür für die anderen Kinder und Menschen im Raum hat sie durch die regelmäßige Eurythmie entwickeln können. Zu Beginn ihrer Schulzeit ist sie oft in andere Kinder hinein gelaufen.

Die Eurythmie hat ihr die Möglichkeit gegeben, sich selbst, ihren Raum und den Raum anderer zu spüren. Das ist vielmehr, als ein unwichtiges Nebenfach sein könnte.

Ich selbst habe Eurythmie sowohl in meiner Fortbildung am Waldorferzieherseminar Hannover praktizieren dürfen, als auch als therapeutisch wirksame Heileurythmie mit mir selbst und mit fünf meiner sechs Kinder im täglichen Üben zwischen den Therapiestunden. Die positiven Auswirkungen sind so vielfältig wie die zu behandelnden Symptome es waren. Mir persönlich hat die Heileurythmie Kraft und Ruhe geschenkt und mich in turbulenten Zeiten wieder in meine Mitte gebracht.

Eurythmie ist mit Sicherheit für viele Menschen gewöhnungsbedürftig, weil das Bewegungsbild kaum in anderen Choreografien und Tanz- und Bewegungsangeboten zu finden ist. Doch ganz kleine Kinder zeigen oft natürliche Bewegungsmuster. So kam es dazu, dass unser damals siebenjähriger Sohn (selbst Waldorfschüler) am Bettchen seines Neugeborenen Bruders stand und voller Staunen über die rudernden Händchen sagte:

„Schau mal Mama! Jano macht Eurythmie!“

Inzwischen macht unser Sohn tatsächlich Eurythmie an seiner Waldorfschule und er zeigt oft große Freude daran. Heileurythmie hatte er gewissenhaft und mit großer Begeisterung wochenlang geübt und sich von seinem Eurythmielehrer sogar ein feuerrotes Eurythmiekleid ausgeliehen, damit die Eurythmie noch schöner sei.

Möge dieses besondere Schulfach an Waldorfschulen auch im Bewusstsein aller Eltern zu dem werden, was sie ist:

Ein lebenspendender Teil des Herzens in der Waldorfpädagogik!

Und noch ein kleiner Nachklang zum Namen tanzen:

Die Kinder lernen in der Waldorfschule nicht Eurythmie, um den eigenen Namen zu tanzen. Ich glaube, diese Idee ist in den Medien so gepflegt worden, weil es sehr schwer ist, dieses Fach nur über gesprochene Worte verständlich oder gar erfahrbar zu machen.

Ein Akt der Verzweiflung am Unbekannten vielleicht?

Die Kinder lernen Bewegungen für jeden Laut, die auch variiert werden können. Auch Musik wird eurythmisch umgesetzt, genauso wie Geometrie und natürliche Lebensabläufe oder Märchentexte und Gedichte. Deswegen kann man theoretisch auch schon in der Unterstufe die Buchstaben des eigenen Namens in Bewegungen umsetzen. Dies ist aber nur ein kleiner Nebeneffekt und nicht der Sinn und Zweck dieser Bewegungskunst.

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