ADS und die „Atmosphäre“ der Erwachsenen

Der Begriff Atmosphäre wurde in diesem Zusammenhang von meinem Kind geprägt.

ADS ist ein manchmal irreführender Begriff für mich als Mutter eines betroffenen Kindes. 

Im Zusammenhang mit der fast vollständig fehlenden Fähigkeit, sich in einem Raum mit anderen Menschen auf das eigene Heft zu konzentrieren, passt er perfekt. Wenn es aber um all das geht, was sonst noch so im Erleben des Kindes bemerkt werden kann – wenn man ihm zuhört – führt er auf Abwege. Da fehlt es nämlich keineswegs an Aufmerksamkeit. Es liegt eine viel zu hohe Aufmerksamkeit vor, um sich noch auf die verlangten Dinge, wie Lernstoff und Unterrichtsgeschehen zu konzentrieren. 

ADS-Kinder im Unterricht

Mein Kind erzählt mir zum Beispiel, wie es im Kreis in der Klasse sitzend alle Details aufnehmen muss, wie die aktuelle Kleidung sämtlicher Mitschüler ist, ob die Fingernägel geschnitten sind oder es Fransen an der Nagelhaut gibt … je größer der Ausblick und je mehr Eindrücke auf mein Kind wirken, desto unwahrscheinlicher ist es, dass es noch etwas vom Unterrichtsstoff herausfiltern kann. 

Die Herausforderung: Der Aufmerksamkeitsmuskel muss mühsam trainiert werden und verlangt die volle Kraft der betreffenden Kinder. 

Dann gibt es aber noch diesen einen speziellen Faktor, der unberechenbar ist:

Die Atmosphäre der Erwachsenen um das ADS-Kind

Und um diese geht es mir jetzt, denn das ist etwas, was von den Erwachsenen gelernt werden muss. Besonders von jenen, die ADS-Kinder zu betreuen haben. Ob das nun als Lehrer oder als Eltern ist, ist egal. Wer mit dem Kind zusammen ist, muss davon wissen

Ich habe glücklicherweise ein Kind, das sich sehr gut artikulieren kann, WENN MAN IHM ZUHÖRT. Mein Kind beschreibt zum Beispiel die Atmosphäre seiner Bezugspersonen und auch, warum es dort nicht zum aushalten ist oder warum es dort besonders schön ist.

Person X wird beschrieben als stark wechselnd. Manchmal ist es sehr schön und dann fühlt sich das Kind entspannt, kann sich leichter auf die Arbeit konzentrieren und seine Aufgaben machen. Plötzlich gerät Person X in Stress und vergisst vollkommen, dass auch in Wut oder Stress das eigene Herz noch eine liebevolle Atmosphäre spüren lassen sollte. 

Dann wird der Erwachsene unerreichbar für das Kind. 

In so einem Fall klingt mein ADS-Kind sich aus, läuft weg, weil es ebenfalls unter Druck gerät und versucht, „seinem Stress durch Rückzug zu entkommen und zu kompensieren“. 

Der Erwachsene sagt hinterher, das Kind sei nicht erreichbar für ihn gewesen und spricht Strafen und Verwarnungen aus. 

Person Y wird vom Kind als allgemein unangenehm wahrgenommen. Die Beschreibung heißt etwa so: „Ich spüre keine Liebe und fühle mich, als würde ich als unfähig angesehen, als jemand, der nichts kann. Diese Person ist eigentlich nicht einmal meine Lehrerin, mischt sich aber überall ein.“ 

Person Z hat viel mit dem Kind zu tun und wird beschrieben als „oberflächlich IMMER NETT“. „Man denkt, sie sei gut. Aber sobald ich in ihrer Nähe bin, werde ich in einen Abgrund gezogen, in dem ich zu ertrinken drohe.“

Eine vierte Person wird von meinem Kind als „eigentlich warm aber ungenießbar“ beschrieben. Dort sei alles schmutzig und verdreckt. Wenn man dort länger ist, wird man krank …

Eine schöne Atmosphäre als Grundvoraussetzung 

Und dann gibt es noch Person A, B und C. Von diesen sagt das Kind: 

„Mit ihnen bin ich am liebsten zusammen, sie haben eine schöne Atmosphäre. Warm und sicher fühle ich mich dort. Mit ihnen kann ich am besten lernen.“

Jetzt stelle man sich ein Kind vor, das vielleicht hauptsächlich von den ersten vier Personen abhängig ist, ständig mit ihnen auskommen muss und gleichzeitig lernen soll, seinen Auf erksamkeitsmuskel zu trainieren und auf die aktuellen Lernaufgaben zu fokussieren. 

Dieses Kind wird nun von den betreffenden Personen ununterbrochen reglementiert, unter Druck gesetzt und bestraft. Es kommen oft drei von ihnen gleichzeitig auf das Kind zu und sprechen zu erwartende Sanktionen aus, ohne sich darum zu kümmern, welcher Druck da in diesem extrem fühlenden und hoch sensitiven Kind aufgebaut wird. Im Anschluss an ein solches „Gespräch“ (eigentlich ist es keines) weiß das Kind nicht mehr ein noch aus und versucht, sich abseits einen Schlupfwinkel zu suchen und den Druck in einer Weise zu kompensieren, wo kein anderes Kind und auch keine Gegenstände zu Schaden kommen. Im Anschluss wird das betreffende Kind für die Verweigerung, im Unterricht mitzuarbeiten, bestraft und sanktioniert. Die Lehrer sprechen von Arbeitsverweigerung, mangelnder Entwicklung des Kindes und fehlende Kooperation. Auf die eigenen Verfehlungen schauen sie nicht …

Die Erwachsenen müssen sich ihrer Atmosphäre bewusst werden!

Um ADS-Kindern einen Platz in einer größeren Gemeinschaft zu ermöglichen, müssen die Verantwortlichen Bezugspersonen sich auf den Weg machen und lernen, ihre eigene Atmosphäre wahrzunehmen und beobachten, wie sie selbst auf das anvertraute Kind wirken. In der Waldorfpädagogik sind diese Zusammenhänge grundsätzlich bekannt, auch ohne dass Kinder mit ADS diagnostiziert sind. Allerdings besteht die spürbare Notwendigkeit, diese Zusammenhänge im Alltag immer wieder bewusst zu machen. Die Schilderungen und die Not allein eines meiner Kinder machen dies mehr als deutlich.

Leider fühlen sich gerade jene Erwachsene, deren Atmosphäre (der Begriff stammt von meinem Kind) vom Kind häufig sogar als Bedrohung angesehen wird, schnell überfordert mit einem Hinweis darauf und reagieren mit Abwehr, Rechtfertigung und verschieben alle Verantwortung für auftretende Probleme auf das Kind und gerne auch auf dessen Familie. Selbst dann, wenn es zuhause auf Grund einer liebevoll und sicher empfundenen Atmosphäre gar nicht zu besonderen Problemen mit dem Kind kommt.

Meine Frage als Mutter lautet: 

Wie können wir hier in einen entwicklungsfördenden Dialog kommen zwischen den Erwachsenen und dem Kind?

Wie wollen betreffende Lehrer und Betreuer angesprochen werden, damit sie aushalten können, dass auch sie etwas zu lernen haben und mit dem Kind lernen dürfen? Denn die Empathie dieser Kinder ist ebenfalls sehr ausgeprägt. Sie können ohne Probleme Fehler und Stolperer in der Anfangszeit verzeihen, solange der betreffende Erwachsene bereit ist, für seinen Teil die Verantwortung zu übernehmen.

Vielleicht kann mein Artikel dazu beitragen, wenigstens im stillen Kämmerlein ins Nachdenken und Nachforschen über die eigene Atmosphäre zu kommen, die Bereitschaft wecken, daran zu arbeiten und auf die Reaktionen des Kindes zu schauen als eine Antwort auf das, was im Erwachsenen lebt. 

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